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Die Sage vom Lilienstein.*


Der Lilienstein, ein dem Königstein gegenüberliegender hoher Fels, der von ferne gesehen, ganz von der Elbe umflossen zu sein scheint, muß früher bewohnt gewesen sein, wie man noch heute aus gewissen Merkmalen abnehmen kann.

Man erzählt sich, daß einige Personen, welche aus Neugierde denselben betreten hätten, plötzlich einen Keller mit einer eingemauerten Thüre vor sich gesehen, aus Furcht aber nicht hineingegangen wären, sich jedoch den Ort so genau angemerkt, daß sie ihn, wenn sie wieder zurückkehrten, eigentlich ohne Mühe hätten finden müssen. Gleichwohl haben sie später weder ihr gemachtes Merkmal, noch Ort, noch Keller wieder erkennen können. Es soll sich aber in demselben ein großer Schatz, eine ganze Braupfanne voll Ducaten befinden und einige Personen, welche den Ort entdeckt hatten und den Schatz zur Nachtzeit heben wollten, sind von den gespenstigen Wächtern vom Felsen herabgeworfen und am andern Morgen am Fuße desselben, obwohl unbeschädigt, wieder aufgefunden worden.

Einst ist eine arme Frau aus Walthersdorf mit ihrem Kinde auf den Lilienstein in die Beeren gegangen, da bemerkt sie plötzlich am Berge eine offene Thüre und sieht in dem Gewölbe, welches diese verschließt, eine Menge Goldhaufen liegen; sie setzt also das Kind auf einen dabei stehenden goldenen Tisch, rafft emsig so viel von den Haufen, als sie in ihrer Schürze fortbringen kann, auf und eilt damit, ihr Kind zurücklassend, nach dem draußen stehenden Korbe. Als sie aber umkehrt, findet sie die Thüre nicht mehr und muß also auch ihr Kind als verloren ansehen. Nach Verlauf eines Jahres geht sie aber an demselben Tage und zu derselben Stunde wieder an den nämlichen Ort, findet auch die Thüre wieder und erhält auch ihr Kind unversehrt, welches auf dem Tische mit goldenen Aepfeln und Birnen spielt, gleichsam als wäre seitdem nur ein Augenblick verflossen, zurück.

 

Wanderung in Böhmen hinein**

Rückreise über Pirna - Sonnenstein - Die letzten Tage in Dresden

Bei Schandau stiegen wir ans Land, in der Absicht am nämlichen Abend nach Dresden zurück- zukehren; allein wir hatten erst noch eine Felsenpartie, den bekannten Lilienstein, zu besuchen. Senkrecht erheben sich die stolzen Felsblöcke, wir standen unten an ihrem Fuße unter der alten Linde, welche auch Friedrich II. ihren Schatten bot. Eine Menge Fußsteige kreuzten einander hinaufwärts; bald sanken wir ein im tiefen Sand, bald mussten wir fast lotrecht eine Treppe hinaufsteigen, welche in die Felsen eingehauen war. Über einer gähnenden Kluft lag eine kleine hölzerne Brücke, der Pfad wand sich immer mehr; endlich standen wir da auf der obersten Spitze, welche eine große Fläche bildet und den ganzen Umfang des Felsens einnimmt, mit Fichten bedeckt. Auf einer hervorspringenden Klippe stand eine Säule zur Erinnerung ans Jahr 1708, wo König Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, den Lilienstein bestieg. Welch' eine herrliche Aussicht hat man nicht von hier oben über Schandau bis zu den böhmischen Bergen. Tief unten zwischen sandigen grünen Matten lief die Elbe und jenseits zeigte sich der Flecken Königsstein unter dem stolzen Felsen, worauf die Festung liegt. Die ganze Gegend unter diesen Bergen ist, wie bekannt, merkwürdig durch Friedrich II. glücklichen Feldzug gegen die Sachsen 1756, welche er hier einschloss und zur Übergabe zwang.

Weder der Lilienstein noch der Königsstein hatten übrigens für mein Auge aus der Ferne etwas Malerisches, sie waren mir zu gerundet. Beide erheben sich gleich zwei ungeheuren Torten, auf denen das Gehölz für einen Aufsatz und die Gebäude selbst mit ihren roten Dächern für einen Putz gelten konnte, welcher auf den Kuchen gelegt wird. Unser Führer erzählte uns, dass es hier unten am Liliensteine nicht ganz richtig sei: Es liege dort ein böser Schatz, den böse Geister bewachten. Zuzeiten sahen die Schiffer, welche in mondhellen Nächten die Elbe hinabsegelten, Lichtflammen hier oben sich bewegen und der einsame Wanderer, dessen Weg zur Nachtzeit hier vorüber- führte, hörte tiefes Dröhnen im Felsen; das waren die Geister, welche die Schätze hin und her schafften.


Könnte man im Herzen des Fremdlings lesen, welcher hier unter dem Heidekraut sitzt, welche Idylle oder Epos würde man da nicht finden!
Er sieht auf die freundliche Landschaft unter den wilden Felsenmassen nieder, und auf die wogenden Wolken, welche sich bald schließen, bald öffnen und dieses friedliche Paradies sehen lassen.

Hoch auf Bergen, wo die Wolken gehn,
Wo die schwarzen Fichten stehen,
Wo der Quell rieselt ins Felsengestein
Sitz' ich allein!
Eine Insel ist des Felsens Höh',
Der Himmel umgibt sie als mächtige See.
Ein Riss fällt in die Wolken hinein
Und im Sonnnenschein
Seh' ich drunten die grüne Welt,
Wo ich die Heimat einst hatte.
Dort, wo die Vöglein schlagen,
Wo die dunkeln Hütten ragen,
Wo Rauch in blaulichter Weite
Wirbelt an des Berges Seite,
Da kehrt' ich sonst heimwärts
Und fand ein liebend Herz.
Seel' und Sinne mochten allein
Ihr, der Einzigen, sich weihn.
Sie liebte mich, war mir treu -
Treu? - Drum schied man uns zwei.
Braut ward sie - dort auf den Matten,
Wo Eichen ihre Hütte beschatten,
Wo Wipfel den Rauch zerteilen,
Da wird ihr Sinnen weilen,
Sie wagt nicht zu denken an mich,
Doch mein Herz träumt nur Dich.
Sünd' auf Sünde häuf' ich im Schmerz,
Du mir bewahrst beständig mein Herz.
O du wogendes Wolkenmeer,
Zeig meiner Liebe Grab mir nicht mehr.


Zuweilen kann eine einzige Melodie, welche wir nur einmal hören, einen so mächtigen Eindruck auf unser Herz machen, dass sie mitten unter der Eiligkeit unserer Welt uns wieder ertönt, ohne dass wir sie laut zu singen vermögen, indess sie lebendig durch unser Innerstes brauset; so geht mir's auch mit den herrlichen Natur-Szenen und dem in Farben und Licht hervortretenden Tonstücke, welches ich auf meiner mehrstündigen Wanderung in den böhmischen Bergen kennen lernte.


Quellenangaben:
** Umrisse einer Reise
von Hans Christian Andersen
1839

* Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen.
Dr. Johann Georg Theodor Grässe,
Dresden 1874

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